Tücken der Relativität

Auf meinem Weg in den “green room” bin ich einen weiteren Schritt gegangen.
Ich habe begonnen, Windsurfing zu erlernen.

/Zusammenhänge

2010 erfolgte mein Schritt vom Hirngespinnst zur Verwirklichung. Ich will in einer brechenden Welle fahren. Ich zog aus, das Wellenreiten zu erlernen.
“Not because it’s easy …”

Leipzig war lange Zeit nicht so bekannt für seine Brandung. Mittlerweile haben wir eine stehende Welle, die allerdings viel zu selten betrieben wird.

Die Zeit bis dahin und wenn ich woanders bin, nutzte ich zum Erlernen von Sportarten, die es mir ermöglichen in die Wellen zu gehen.

Lange Zeit habe ich mich gefragt, worin die Gemeinsamkeit mit dem besteht, was ich auf der beruflichen Seite meines Lebens verwirklichen will.

Mittlerweile wird es für mich klarer.

/Geister der Vergangenheit

Seit ein paar Wochen ist meine Familie in Urlaub und ich bin mit dabei.

In dieser Zeit habe ich ein längst überfälliges Projekt beenden können und ein weiteres überfälliges Projekt inhaltlich “über den Berg” gebracht. Mich hat die Tatsache voll erwischt, dass eine Projektleiterin die einstmals kommunizierte Zeitleiste ernst nimmt und dem IT-Security-Anteil in ihrem Aufgabenbereich Aufmerksamkeit schenkt. Ich habe erstmals eine inhaltlich einigermassen fundierte Kommentierung innerhalb von 30 Minuten erhalten. Unter anderen Umständen hätte ich mir ein solches Antwortverhalten gewünscht. Jetzt kann ich das gerade gar nicht so gebrauchen.

Eigentlich wollte ich unsere Zeit am Gardasee entspannt verbringen.

Ich wurde mit der Aussicht shanghait, ich könne dort Surfen – Windsurfen.
“OK. Das ist besser als nix” dachte ich mir. Ich sehe das als Zwischenschritt in Richtung Bretagne, Südfrankreich und Algarve. Die Tochter fragt auch schon, wann wir wieder an ein “richtiges Meer” fahren.

Windsurfen könnte ein “missing link” zwischen meinen und den Interessen ihrer Mutter sein. Das habe ich schon immer so gesehen. Jetzt gibt es Anzeichen, dass sich die Dinge in eine gemeinsame Richtung entwickeln. Als Gegengewicht steht da allerdings noch eine schwerwiegende Reitbesessenheit im Raum.

Windsurfen interessierte mich nicht wirklich.
Die Balance auf dem Brett ist verhältnismäßig einfach.
Wellen stören am Anfang mehr als dass sie nützen.

Insgesamt erscheint mir dieser Sport voller Widersprüche.
Und das weckt dann doch mein Interesse.
Einfach “das Segel in den Wind halten” führt nur zu kurzfristigen Erfolgen.
Irgendwann ist die Luft raus und man muss nachsteuern.
Richtig spannend wird es, wenn man gegen den Wind voran kommen will.

Sehr vieles am Windsurfen ist kontra-intuitiv und das macht dann doch den Reiz für mich aus. Direkt geht nahezu nichts – viel zu selten sind die Momente, in denen Wind von hinten auf die maximale Segelfläche trifft. Tatsächlich erfolgt Vortrieb beim Windsurfen wie beim Segeln von Schiffen immer unter Bedingungen des Kompromiss. Halbwindkurs – Segel anstellen – Kreuzen gegen den Wind.
An dieser Stelle wird es interessant für mich.

Wie erreiche ich unter widrigen Bedingungen akzeptable Ergebnisse?

You must unlearn what You have learned.

Yoda

Meine größte Herausforderung beim Windsurfen war, den Mast als relativen Bestandteil meiner Stabilität an Board zu begreifen. Irgendwann in frühester Jugend muss ich wohl mal gelernt haben, mich in wackeligen Situationen an feste Gegenstände zu klammern. Der daraus entstehende Effekt beim Windsurfen ist, dass schon beim leichtesten Wackeln des Bretts durch minimalen Seegang, die Armmuskulatur intuitiv und daher ohne aktive Überlegung, den Mast zum Körper reißt. Solange das Segel aus dem Wasser gezogen wird, macht das Gesamtsystem einen recht stabilen Eindruck. Sobald aber der Widerstand des Wassers am Segel schwindet, ändert sich die Situation schlagartig. Bei einigermaßen Flaute gibt es keine spürbare Seitwärtsfestigkeit mehr. Der Körper wünscht sich diesen Zustand zurück und reißt den Mast – als ehemals stabil empfunden Halt – an sich. Das Gegenteil des erwünschten Ergebnisses tritt ein.
Oder genau das gewünschte Ergebnis – ganz nach Blickwinkel und Zeitpunkt der Betrachtung.

Durch das Heranzerren des Masts wird das Windsurf-System oberhalb der Wasseroberfläche instabil und der angehende Surfer hat nur noch damit zu tun, beim Fallen wenigstens das Segel woanders als auf den eigenen Kopf landen zu lassen. Im Wasser, am Brett hängend und mithilfe der Schwimmweste treibend ist dann alles wieder ganz stabil.

Irgendwann im Verlauf der drei Kurstage wurde dann endlich meine Hirn-Muskel-Schwelle überwunden. Mein Körper begriff den Wind und den von ihm erzeugten Vortrieb als eigentlichen Stabilitätsstifter. Im Kopf war mir das schon lange vor dem Kurs klar. Es brauchte aber die vielen Misserfolge auf dem Wasser, damit “die Message” auch beim Körper ankam.

Die Mutter meiner Kinder hatte vom Strand aus eine andere Perspektive. Ich war erfreut, eine Sequenz aus Halse, Wende und Kreuzen bei fast vollständiger Flaute hinzubekommen. Sie bezeichnete meine Haltung dabei als

wie ein Auto bei der ersten Pressung.

Nunja. Wir sind in Italien. Vielleicht hat sie da irgendetwas durcheinander gebracht …

Meinem Sohn fiel es leichter. Er hatte das Grundverständnis bereits am ersten Kurstag erlangt. Ich erkläre es mir damit, dass sich seine #MuscleMemory noch nicht so verfestigt hat wie meine. Ich habe erst in meinen späten 30ern angefangen, mich um die Geschmeidigkeit des Körpers um den allzu flinken Geist herum zu kümmern. Zu diesem Zeitpunkt ist Umlernen weiterhin möglich, aber deutlich schwerer als in jüngeren Jahren.
Es ist wie beim Tractorpulling. Am Ende der Bahn erfordert das Fortkommen durch die Bindungskräfte der Materie, deren zunehmende Menge und der damit verbundenen Bremswirkung exponentiell ansteigenden Kraftaufwand, um die Vorwärtsgeschwindigkeit zu gewährleisten (E=mc2).

relatively_tractorpulling
Faszination Trekker Trek

Viele scheuen diesen Aufwand und nur wenige ernten die Früchte ihrer Bemühungen.

Für mich war Windsurfing neben Snowboarding und Surfen auf der stehenden Welle die dritte, fundamentale Lernerfahrung in den vergangenen 12 Monaten. Und jeder meiner Coaches hatte die selbe Nachricht für mich:

Schau dorthin, wo Du hin willst!

Bei den Brettsportarten kommt es genau so wie beim Reitsport auf die Haltung an.
Wer vor dem Absprung auf das Hindernis schaut, senkt den Blick und das Pferd spürt das. Es fokussiert ebenfalls auf das Hindernis anstatt auf den Sprung. Es reißt oder scheut sogar.
Der Fehler entsteht aus dem Wunsch den Fehler zu vermeiden.
Paradox?

Beim Brettsport hilft beim Verbessern der Haltung der externe Beobachter, ein Coach und zusätzliche Aufzeichnungen bspw. durch eine Kamera. Wenn man es ganz allein versucht, tappt man schnell in die Reziprozitätsfalle – indem ich einen Fehler vermeiden will, erzeuge ich ihn erst.

/Was habe ich gelernt?

Je geringer die Fähigkeiten, umso besser müssen die Rahmenbedingungen sein.

Wer die Sache wirklich beherrscht, erkennt wann es sich lohnt und wann man auf günstigere Bedingungen warten sollte UND kann das jederzeit begründen.

Wer wiederkehrend erfolgreich mit den Umständen umgeht ohne aufzeigen zu können, woran man etwas festmachen kann, ist bestenfalls ein Talent und schlimmstenfalls ein Glückspilz. Für sie oder ihn mag es bis dahin gut gelaufen sein, übertragbar ist allerdings nichts davon. Es bleibt auf den einzelnen beschränkt und skaliert nicht.

Soweit entspricht das meiner Auffassung wie ich sie seit über 20 Jahren vertrete.

Ich selbst verwende eine Menge Aufwand auf Reflexion. Meine Blogbeiträge sind dabei nur ein sichtbares Endergebnis. Bezogen auf den Brettsport bedeutet das, ich schaue darauf wie und wo ich gerade bin. Bewegende Einflüsse von außen – Impulse – kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht gebrauchen und blende sie aus so gut wie es nur geht.

Linos Surf-Simulator

Im Schnee am Hang, auf dem Wasser im Wind und im Galopp vor dem Anreiten auf ein Hindernis gibt es keine Möglichkeit, einzelne Einflüsse auszublenden und die Situation in Zeitlupe zu durchleben. In diesen Situationen muss ich das Ziel im Blick haben, vertrauen und zulassen, dass sich das System den Umständen entsprechend verhält. In diesen Situationen zeigt sich, was als gelerntes Verhalten im System – intuitiv – abrufbar ist.

Was zuvor erlernt wurde, kann den Erfolg verhindern oder ermöglichen. Es kommt darauf an, wie gut die Beteiligten auf die Umstände vorbereitet sind, die Situation erkennen und miteinander eine Wirkbeziehung eingehen können.

/Waswenn

Wer oder was ist für den Erfolg verantwortlich? Sind es die Umstände oder bin ich es?

  • Was, wenn ich mein Umgehen mit den Umständen verändere?
  • Was, wenn ich die Umstände verändere?
  • Was, wenn mein Erfolg mit meinem Umfeld in Beziehung steht?

/Schlussfolgerungen

Sport hilft bei der Erkenntnis. Egal, ob es sich um Einzel- oder Mannschaftssport handelt, Sport ist immer ein reduziertes Abbild der Wirklichkeit. Es ist ein Spiel, ein Modell, eine Reduzierung. Und durch die Reduzierung fällt es leichter, die Wirkweisen zu erkennen und zu beschreiben. Sport ist ein gutes Vehikel.

Kritisch wird es, wenn aus dem Sport ein Wettkampf entsteht. Die gute Seite des Wettkampfs ist der Vergleich, das Messen, das Überprüfen was zu Gewissheiten führt und Richtungen setzt. Die Kehrseite entsteht aus dem Trennen zwischen Siegern und Verlierern. Diese Trennung lässt sich dadurch überwinden, dass man sowohl Sieger als auch die übrigen Teilnehmer als notwendigen Bestandteil in gegenseitiger Abhängigkeit begreift. Der Zweite brauchte einen Ersten, um Zweiter zu sein. Der Erste braucht den Zweiten, ansonsten ist er der Einzige.

Auf dem Weg zur Meisterschaft stehen viele Hindernisse im Weg. Die schwerwiegendsten Hindernisse erschaffen wir uns selbst. Zu Beginn des Erlernens sind wir auf stabile und einwirkungsarme Bedingungen angewiesen, um die grundlegenden Abläufe möglichst störungsfrei zu erlernen. Wir lernen quasi unter Laborbedingungen. Wir handeln unter ständigem Schutz und Aufsicht. Irgendwann kommt der Punkt, an dem der Schutzraum verlassen werden muss. Es braucht weiterhin Richtung und Punkte zur Orientierung. Allerdings werden Aufsicht und vor allem der Schutz weniger. Das Handeln kommt “aus uns selbst” anstatt durch äußere Vorgaben.

Im menschlichen Reifeprozess ist das der Übergang vom “Teenie-Dasein” in die Erwachsenenwelt. Leider wird dabei allzu oft der Schutzaspekt beibehalten und Aufsicht in Form von Kontrollpunkten aufrechterhalten. So kommt es, dass eine Vielzahl von nominell Erwachsenen sich weiterhin verhält als wären sie Kinder.

Und selbst, wenn man in bestimmten Lebensbereichen Eigenständigkeit erreicht hat, dann lässt sich das nicht unreflektiert auf andere Bereiche übertragen. Wissen ist universell referenzierbar. Jede Fähigkeit muss jedoch neu erlernt werden. Wer den (zeitlichen) Ablauf in den Zusammenhängen kennt, dem fällt es daher zusehens leichter, um Hilfe zu bitten, Hilfe anzunehmen, Hilfe anzubieten und so Fähigkeiten auszubilden.

#Anfängergeist.

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Der Kern des Miteinanders ist die mentale Einstellung

/Was mache ich jetzt damit?

Verstehen fällt leichter, wenn man die Zusammenhänge begreift.
Wer sich als Bestandteil eines Zusammenhangs – als Teil eines Systems – versteht, legt die wichtigste Grundlage für erfolgreiches Handeln. Zusammenhänge begünstigen und verhindern – oftmals in Bezug aufeinander.

Beim Erlernen einer Fähigkeit geht es im Kern darum, das Gefühl für richtig und falsch zu erlangen. Dafür braucht es vergleichbare, stabile Bedingungen.

Sobald eine Fähigkeit beherrscht wird, kann man auf veränderte Umstände reagieren und das eigene Handeln nach den zuvor erlernten Maßstäben ausrichten und beurteilen.

Wer ausschließlich fremde Erwartungen ohne eigenes Bezugssystem erfüllt, kann nicht eigenständig und “im Sinne einer Sache” auf Veränderungen reagieren. Es bleibt dann beim Wiederholen der angelernten Handlungen ohne tieferes Verständnis für die Zusammenhänge.

Die so sehnlichst erwartete Stabilität in der Bewegung entsteht aus dem Zusammenhang der Kräfte. Sobald der Bewegungsimpuls nachlässt entsteht eine andere Form der Stabilität – die Ruhe. Wem die Fähigkeit fehlt, aus sich heraus – autopoetisch – zu handeln bedarf des steten Antriebs von außen.

Es ist wie beim Fahrradfahren.
Wer mit dem System und den beteiligten Kräften umgehen kann, kommt voran.
Wer es nicht kann, braucht Stützräder und Anschub und eine fremde Hand am Lenker
– extrinsische vs. intrinsische Motivatoren.

Wer möchte, dass das eigene Kind allein zur Schule fahren kann, bringt ihm den Umgang mit dem Fahrrad unter den Bedingungen des modernen Straßenverkehrs bei.
Wer das seinem Kind nicht zutraut wird es sein Leben lang mit dem SUV vor die Schule fahren müssen.
Die Evolution wird uns zeigen, welches Vorgehen in Masse und auf Dauer überlebensfähiger ist.

/etc

Albert Einstein war übrigens begeisterter Segler.

Blogbeiträge wie dieser sind meine Verarbeitungsergebnisse von Impulsen, die ich in Projekten aufnehme und mit dem zusammen verarbeite, was ich gelesen habe oder anlässlich des Impulses lese.

Ich verschriftliche die Ergebnisse in dieser Form, die ich “Denkprotokoll” nenne, um dem vorzubeugen, das mal jemand mit dem schönen Wort “Lesestau” bezeichnet hat. Ich speichere also die Denkergebnisse aus, um Platz für Neues zu schaffen.

Was auch immer ich sonst noch für beachtenswert halte, teile ich über Blogbeiträge hier und anderswo.
Den besten Überblick über alle Fragmente vermittelt mein twitter-Kanal.

/Inspiratoren

/Weiterführendes

  • Albert Einstein, der Segler
  • let my people go surfing
  • Begleitung bei Veränderungen gibt es u.a. hier

/Medien

Die Fotos stammen von mir selbst und dürfen unter Namensnennung weiterverwenden und verändert werden – CC-BY-SA.

/lebewohl

Lebe lang, in Frieden und Wohlstand.
Mögen sich alle Bedürfnisse in Realität auflösen.

/berühmteletzteworte

Verläuft Dein Leben im Kreis?

Das Leben verläuft in Kreisläufen. Manche sind größer, andere kleiner.
An Ihrem Ende findet sich kein Ende – nur ein neuer Anfang.

Sprich zu denen, die es angeht. Teile, was Dir wichtig ist.

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