agiLEipzig Meetup #43: Team Topologies

Als ich die AnkĂŒndigung fĂŒr dieses Meetup las, war mir sofort klar: da muss ich hin!

Der Tag selbst war mal wieder einer dieser Tage 
 die Internen waren allesamt in einem Team-Event („Referats-Klausur“) gebunden.
Die Telefone von Referatsleiter und Stellvertreterin waren auf mich umgeleitet und alle Kollegen hatten Abwesenheitsnachrichten aktiviert.

„easy“ dachte ich noch. Keine Termine und nur eine Aufgabe:
aufpassen, dass nichts schief geht.

Um 9:44 erreichte das Funktionspostfach dann die lange erwartete Nachricht. Das Ministerium stimmt dem Angebot und der Kooperationsvereinbarung mit dem Sub-Dienstleister zu. Die Haushaltsmittel seien in vollem Umfang zur VerfĂŒgung gestellt worden.
Alles wird gut?

Ich informierte die Ansprechpartner, die gerade das Ergebnis langwieriger, zÀher und wenig erfreulicher Abstimmungen dieses Jahres durch die Staging-Umgebungen pushen.
Alles wird gut?

Die Projektleiterin war hocherfreut und hoffte darauf, nun endlich so krank sein zu dĂŒrfen, wie sie es tatsĂ€chlich war. Ich wĂŒnschte ihr gute Besserung und lehnte mich zurĂŒck.

Und dann kam der Anruf.

Das von mir dargestellte Vorgehen entsprÀche nicht dem, was gestern noch mit dem Ministerium ausgemacht sei.
Und jetzt?

Wir vereinbarten, beiderseits zu klĂ€ren, wie der aktuelle Stand sei und welche Optionen es gĂ€be, wenn dieser oder jener Fall vorliegen wĂŒrde. Mein Part bestand darin, den Mittelabfluss (in der „freien“ Wirtschaft: #Zahlungsstrom) und den Prozess bis dahin zu klĂ€ren.

Alexander Jones und die Jagd nach den verschwundenen Millionen 


Der HaushĂ€lter konnte unter der angegebenen Referenz nichts finden, wohl aber die Haushaltsmittel fĂŒr die benachbarten AktivitĂ€ten. Er war verwundert, dass die Haushaltsstelle auf das BMI („Bundesministerium des Innern“) hinwies. Er hĂ€tte eine Kennung aus dem eigenen Ressort erwartet. Dennoch konnte er mich beruhigen. Wenn es tatsĂ€chlich erst heute angewiesen sei, dann wĂŒrden die Mittel am kommenden Tag fĂŒr ihn sichtbar sein.

Das war der Stand mit dem ich diesen Arbeitstag widerwillig abschloss.
Ich nehme „Sachen“ ungern ĂŒber Nacht mit nach Hause.

Wobei 
 bis dahin wĂŒrde es noch etwas dauern.

Jetzt geht’s los!

Anders als erhofft, war ich nicht zu dem – dieses Mal – etwas frĂŒheren Start des agiLE-Meetup um 17:00 bei F&P. TatsĂ€chlich hat es bis exakt 18:00 gedauert. Dann erst betrat ich die RĂ€ume im Außenstandort am Floßplatz.

Zum GlĂŒck war noch ein Stuhl neben Conrad frei und so begann ich, mich im Plenum auf die eigentliche #Sache einzustellen.

Ich bin zur Vorbereitung dem Link in der AnkĂŒndigung gefolgt und hatte mich so schon mit den Terminologien vertraut gemacht.
Worum es dabei eigentlich geht, wurde mir dann durch den Vortrag von Bastian klar.

„Alle Modelle sind falsch
und manche sind hilfreich.“

Er berichtete davon, wie F&P Team Topologies nutzt, um das zu visualisieren, was in der Organisation vorgeht. Und dafĂŒr ist das Modell außerordentlich hilfreich. Überhaupt hatte ich den Eindruck, dass hier viele saßen, die sich durch dieses Modell sehr klar und verstĂ€ndlich ausdrĂŒcken können. Sind die wirklich alle bei F&P? Ich war irritiert. Was ist da los? Landet frĂŒher oder spĂ€ter jeder aktive agiLE-Teilnehmer da? Oder ist das Modell schon der neue Standard und „alle“ arbeiten damit
– nur ich habe das bisher nicht mitbekommen?

Im Verlaufe des Abends sollte es sich in weiten Teilen aufklÀren.

Doch bis es soweit sein wĂŒrde, stellte Bastian erst einmal den Werkzeugkasten vor und illustrierte die Grundelemente auf einem miro-Board mit Beispielen aus der Organisation F&P. Mir kam das irgendwie bekannt vor und so fragte ich, wie ‚Team Topologies‘ zum unFIX-Modell passt, das ich durch Jurgen Appelo auf dem vorletzten Barcamp kennengelernt hatte. Rolf nahm das zum Anlass und erwĂ€hnte, es gĂ€be auf Jurgens Seite BlogbeitrĂ€ge, die unFIX in Beziehung zu anderen Modellen bringen. Einer davon besprĂ€che auch „TT“. Der behandelt dann auch die vermeintliche SchwĂ€che, die auch Alex J. herausstellte. „TT“ ist sehr auf IT und dort insbesondere auf Software-Entwicklung fokussiert. Sofern eine Organisation die Funktionen ‚Sales‘ oder ‚Marketing‘ begleitend zur eigentlichen Softwareentwicklung betreibt, dann fĂŒhre das schnell zu sehr großen Teams – insbesondere, wenn man einen ‚Self Sustaining Team‘-Ansatz verfolge. Vor allem fĂŒhre das dazu, dass UnterstĂŒtzungsfunktionen wie eben Marketing entweder Leerlauf haben oder Team-fremde Aufgaben ĂŒbernehmen. Beides ist sub-optimal. In Alex’ Organisation hĂ€tte diese Erkenntnis dazu gefĂŒhrt, die UnterstĂŒtzungsfunktionen wieder aus den Teams herauszunehmen, die direkt auf den Wertstrom einzahlen. In der TT-Nomenklatur sind das „stream-aligned Teams“ und diese erzeugen den Kern der Wertschöpfung. Die anderen Typen sind „Enabling-Teams“, „Platform-Teams“ und „Complicated Subsystem Teams”.

Mit dieser Erfahrung im GepĂ€ck fragte Alex dann auch, wie ein Team darzustellen sei, das bei ihnen „Operations Research“ heiße. Sie machen „sophisticated Mathe-Kram“ und manchmal kĂ€me auch „ein goldenes Ei“ dabei heraus. Das war ein gutes Beispiel dafĂŒr, wie schwer die Einordnung oftmals fĂ€llt – und wie wichtig die Auswahl der korrekten Topologie ist, wird sich dann noch im spĂ€teren Praxis-Teil nach der Pizza-Pause herausstellen.

Matthew Skelton and Manuel Pais: Team Types and Interaction Modes

Bastian nahm den Beitrag zu Anlass, um auf die Risiken dieses Modells hinzuweisen. Er berichtete davon, beim Lesen des Buches zunĂ€chst den Drang verspĂŒrt zu haben, das Modell dazu zu nutzen, um das Organigramm von F&P auf diese Weise abzubilden.
Doch was abbilden?
Den Status quo? Der wÀre veraltet, noch bevor er fertig ist.
Das ideale Zielbild? DafĂŒr kennt er sich gut genug aus – sagt er.
Oder die jeweils nÀchste Evolutionsstufe?
DafĂŒr wĂ€re das miro-Board nicht wirklich geeignet.
Man könne es nicht filtern oder situative Kontexte selektiv darstellen – zumindest war das seine Ansicht.

Diese AusfĂŒhrungen und vor allem sein Begriff des „Nachteile einkaufen“ machten etwas mit mir. Als Frank dann noch von „vielen Nachteilen“ sprach, nahm ich das zum Anlass fĂŒr einen Wortbeitrag, der in mir bereits seit lehr langer Zeit, vielleicht seit Jahren, schwelte und fĂŒr den ich hier nun den Anlass hatte, die Worte zu suchen.

„Nachteile sind akzeptabel, solange die Vorteile ĂŒberwiegen.“

Alexander Gerber

So kann ich es nun formulieren. An dem Abend lag mein Fokus eher auf dem vermeintlich anzustrebenden Ideal, dass nur Vorteile und keinerlei Nachteile bietet. Bei Franks Darstellung entstand bei mir der Eindruck, die schiere QuantitĂ€t von Nachteilen wĂŒrde in seinem Arbeitsumfeld schon genĂŒgen, um eine Option auszuschließen – je mehr Nachteile die Gruppe findet, umso weiter weg rĂŒckt eine Option?

TatsÀchlich setzen sich Optionen ganz anders durch.
Ja, QuantitÀt spielt dabei auch eine Rolle.
Vor allem jedoch QualitĂ€t – nĂ€mlich: wie gut geht es „mir“ damit?

Und jeder fĂŒr sich kann recht gut beurteilen, was jeweils schwerer wiegt. Und wenn dann noch eine „treibende Kraft“ (EN: „leading force“) innerhalb der Organisation fĂŒr diese Alternative optiert, dann ist alles gut. Eine solche, fĂŒhrende Kraft kann sowohl der dominante Einzelentscheider als auch eine Gruppe „trusted advisors“ oder ein demokratisch erreichter Konsens sein. Es gibt viele Wege, wie sich eine Option durchsetzt und zum Bestandteil der Organisations-Kultur wird. Viel erheblicher ist, wie die Organisation darauf reagiert, wenn sich die UmstĂ€nde Ă€ndern 


An dem Abend schlug ich – auch unter dem Einfluss von Lukas Schmidt (/Slot 2: metrics & measures) und Tobias Leisgang – vor, regelmĂ€ĂŸige und transparente Bewertungen der Optionen durchzufĂŒhren.
Das muss nicht immer „gemeinsam“ sein, solange „alle“ die Werte-Hierarchie mittragen und das nachvollziehen können, was bei einer frĂŒheren Klientin so passend „Einwertung“ genannt wird.

All das erfolgt in der dritten Phase der Team-Bildung, die Tuckman „Norming“ genannt hat.

Und nach meiner persönlichen Überzeugung bleiben alle Arbeitsumgebungen weit hinter ihren Möglichkeiten zurĂŒck, solange sie diese Phase nicht erfolgreich durchlaufen und dadurch abgeschlossen haben.

Spoiler: da wo ich tĂ€tig bin, ist das die meiste Zeit nicht der Fall – denn:
sobald ein Team den eigenen Erfolg verspĂŒrt und quasi allein Fahrrad fahren kann, braucht es mich nicht mehr und ich thematisiere dann je nach Kontext noch die Phase 5: das Loslassen und warum so viele Teams Angst davor haben.

Im Wrap up (spĂ€ter 
) kam dann noch „Tuckman-Teambuilding als Kostenfaktor auf, der [vermeintlich] gegen VerĂ€nderungen in der Team-Zusammensetzung sprĂ€che. Da war er wieder, dieser Drang der Software-Entwickler zur StabilitĂ€t.

An dieser Stelle ein Reminder: jeden einzelnen Tag und in jedem einzelnen Meeting durchlaufen die Teilnehmer die Tuckman-Phasen, sofern sie ein Team sein mĂŒssen, um Ergebnisse zu liefern (vgl. Shared Vison).

Wenn Verantwortung als „Schuld“ verstanden und lediglich geschoben wird, dann passiert genau das nicht. Die einzelnen Akteure verstehen sich dann als solitĂ€re Lieferanten oder LeistungsempfĂ€nger und eben nicht als Teil eines gemeinsamen („shared“) Ganzen.

Und dann kam auch noch Conway’s Law zur Sprache.
Torsten statuierte, dieses vermeintliche Gesetz sei gar keines
[meine ErgĂ€nzung: weil eine KausalitĂ€tsbeziehung („wenn 
 dann“) fehlt]. TatsĂ€chlich war es ursprĂŒnglich und Ende der 1960er-Jahre zunĂ€chst eher eine hypothetische Heuristik – also eine Art Glaubenssatz, die einem die Welt erklĂ€rt ohne wissenschaftlich exakt („ceteris paribus“ – „conditio sine qua non“) bewiesen werden zu können.

Und dann fĂŒgte Torsten auch noch hinzu – „Conway reverse“ wĂŒrde schon gar nicht funktionieren. Wenn also jede Organisation ihre Kommunikationsbeziehungen in Software abbilde, so könne man nicht aus einer Software-Architektur ableiten, wer mit wem in Austausch steht.

Wir kamen da hin, weil ich auf das MS-Research-Paper ‘The Influence of Organizational Structure On Software Quality’ verwies, das im deutschen Wikipedia zu Conway’s Law referenziert wird. Ihm zufolge haben die Forscher die Commits fĂŒr Windows Vista zur Grundlage genommen, um Kommunikationsbeziehungen der beteiligten Teams darzustellen. Auf dieser Grundlage gelang es Microsoft seinerzeit, Schwachstellen von Vista pro-aktiv zu suchen und zu beseitigen.
Diese Erfahrungen nahm Microsoft zum Anlass, die Organisation der Entwicklungseinheit fĂŒr Windows 7 nach dem Architekturentwurf fĂŒr das Betriebssystem zu gestalten. Das war anders als bisher. Davor wurden Teams nach anderen Kriterien zusammengestellt.
Wer kennt wen, SenioritÀt und Fachexpertise.
Kennste?

Am Ende der Pizza-Pause erfuhr ich dann auch, weshalb ich speziell ĂŒber die Sachkenntnis von Torsten so erstaunt war. Anders als ich bisher annahm, fĂŒhrte ihn sein Weg „seit Corona“ ĂŒber eine Zwischenstation zu F&P. Und deshalb war er „mittendrin“ in dieser Organisationsentwicklung.

Und fĂŒr die ĂŒbrigen, nicht-F&P-Teilnehmer ist das Modell schlicht, einfach und fĂŒr jemanden, der sich mit Organisationsdesign befasst nahezu selbsterklĂ€rend.
Das ist schon mal was.

Anwendung

Im Praxisteil standen zwei Bereiche zur Auswahl, bei denen die Gruppen die „real world“ modellieren konnten. Bastian schlug die Gruppenbildung auf der Grundlage von Geburtstagen vor: gerade links – ungerade rechts. Und so fand ich mich in einer Gruppe wieder, die das Team „Interne Arbeitsmittel“ von F&P modellierte. ZunĂ€chst ging es darum herauszufinden, was dieses Team „eigentlich“ macht. Marie fragte, ob es sich um die Ausstattung der ArbeitsplĂ€tze kĂŒmmert. Der Gedanke war fĂŒr mich nachvollziehbar und naheliegend bei dem Namen. Es war auch mein erster. Es stellte sich jedoch heraus, dass sie eine parametrisierte Instanz von Zendesk fĂŒr Teams wie „Support“ oder „Community Management“ zur VerfĂŒgung stellen. Deshalb zeichnete ich „Zendesk“ als Plattform und „Support“ als „stream-aligned“. Daraufhin ergriff „Michel“ das Wort und widersprach der Darstellung. Mit den Worten „wie denn dann?“ reichte ich ihm die Stifte und ein Tuch und er zeichnete es auf, wie sie derzeit in der Organisation betrachtet werden. Heraus kamen drei Stufen (Zendesk als Plattform, ihre Instanz als Plattfom und das Arbeitsmittel-Team als stream-aligned). Ich fragte, welchen Beitrag sie denn zum Wertstrom liefern und woran sie den messen. Michel berichtete, was sie tun und wer ihre Leistung konsumiert. Ich gab zu bedenken, dass es wohl schwer sei, den Beitrag zu messen, weil dieser nur indirekt geleistet wĂŒrde. Das traf seinen Nerv. Michel hatte immer den Eindruck, ihr Team werde falsch behandelt. Sie werden durch die Organisation dazu gedrĂ€ngt, Indikatoren so darzustellen, dass sie einen Anteil am Umsatz ausdrĂŒcken.
Die umstehenden Kollegen von F&P setzten gerade an zu erklĂ€ren, warum das „schwierig, aber machbar“ sein solle, als ich intervenierte.

Ich sagte Michel auf den Kopf zu, er habe aus meiner Sicht das richtige, das zutreffende schlechte BauchgefĂŒhl dabei.

Die Erleichterung konnte ich ihm ansehen. Es war, als fiele eine Last von seinen Schultern. Und als wir seine kognitive Dissonanz aufgedeckt und er durch mich BestÀtigung erfahren hatte, konnten wir uns mit den Folgen befassen.

Doch dann waren die 10 breakout-Minuten auch schon vorbei.

Wrap up

Die Zusammenfassung erfolgte nun als Standup. Das gab uns Teilnehmern die Möglichkeit, uns im Halbkreis um die jeweiligen Boards aufzustellen.
Ehrlicherweise muss ich zugeben, von den AusfĂŒhrungen der anderen Gruppe habe ich kaum etwas mitbekommen. Eigentlich sind mir nur zwei Punkte in Erinnerung geblieben, die in einem Zusammenhang miteinander stehen. Die Sprechperson fĂŒr die andere Session berichtete, sie hĂ€tten eine Umgestaltung verworfen, weil es ein Durchlaufen der Tuckman-Phasen bedeuten wĂŒrde. Alex Drestl kommentierte daraufhin, eine solche Umbesetzung sei durchaus akzeptabel, wenn ein Team lĂ€ngerfristig und an einem strategisch wichtigen Vorhaben arbeite, bei dem aufgrund des Zeit-Horizonts die Mehrkosten fĂŒr ein wiederholtes Team-Building akzeptabel sein könnten.

Wie solche Mehrkosten signifikant gesenkt werden können, schreibe ich noch weiter unten. Stichwort: Norming.

Michel stellte die Erkenntnis unserer Session dar. An dem spannenden Punkt hörte er auf. Jetzt, wo zumindest dieses Team fĂŒr sich erkannt hat, falsch behandelt zu werden: wie geht es weiter?

Wird ein Team, das so etwas fĂŒr sich feststellt in der jeweiligen Organisation die ErmĂ€chtigung (aka „Kompetenz“) haben, sich entsprechend umzugestalten? Was macht es mit denjenigen, die fĂŒr sich erkennen nun in diesem Team falsch zu sein? Werden sie in ein anderes Team wechseln können? Und wie wird das ablaufen?

Auch hier ist es eine Frage des „Norming“. Allerdings nicht auf der Ebene der Teams, sondern auf der Ebene des Gesamtsystems; der Organisation.

Spoiler: solange es hierfĂŒr keine Vorgehensweise – geschrieben oder informell festgelegt – gibt, wird erst einmal wenig passieren. Und dann kommt da noch der Hang zur StabilitĂ€t 


Jemand sagte einmal so treffend:

„Die Kultur ist der Schatten des Systems“

Fazit

Die Werkzeugsammlung ‚Team Topologies‘ („TT“) bietet hilfreiche UnterstĂŒtzung bei der Entwicklung einer leistungsfĂ€higen Organisation, deren Zweck darin besteht, Software zu erschaffen und fĂŒr die Nutzung bereitzustellen.

Im Zusammenspiel mit anderen Modellen, Werkzeugsammlungen und Vorgehensmodellen wie ‚Domain Driven Design‘ („DDD“) oder ‚Test Driven Development‘ („TDD“), DevOps, Wertstromanalyse und auch OKR („Objectives and Key Results“) bietet „TT“ eine ergĂ€nzende Möglichkeit, um Engstellen durch Überlastungen („cognitive load“) im Fluss der Kommunikation (Ă  ‚Systemtheorie‘) zu identifizieren und durch aktive Umgestaltung zum Besseren zu verĂ€ndern. Und wer Gefallen an diesem Tool gefunden hat, die:der kann dann das Premium-Paket zubuchen und ‚unFIX‘ machen.

Von einer Last befreit weder dieses Toolset noch die ĂŒbrigen Methoden im Werkzeugkasten. Was nun im einzelnen Kontext aus konkreter ZustĂ€ndigkeit und Organisationskultur als „gut“ und „besser“ anzusehen ist, darĂŒber mĂŒssen sich die jeweiligen Akteure klar werden, klar sein und klar bleiben. Diese Aufgabe wird nicht durch „TT“ gelöst oder durch ihre Anwendung obsolet. Vielmehr gibt das Modell mit den 4 Team Typen und den 3 Interaktions-Modi ein ĂŒberschaubares und sehr schnell erlernbares Instrumentarium an die Hand. Seine Anwendung fĂŒhrt schnell zu den Punkten, an denen die Schwachstellen einer Organisation deutlich erkennbar hervortreten. Dadurch wird Bedarf sichtbar und VerĂ€nderungen können vorgenommen werden.
Das allerdings muss „man“ wollen. Derartige Transparenz wird nicht immer und von allen freudig begrĂŒĂŸt.

Take aways

An diesem Abend öffnete mir ein Begriff die Augen: ‚kognitive Last‘ (Skelton: ‚Cognitive Load‘).

‚Mental Load‘ wird mittlerweile hĂ€ufig im Kontext von Familie, Covid und Home Office genannt. Und die Parallelen sind fĂŒr mich deutlich erkennbar. Wahrscheinlich konnte der Begriff deshalb so gut bei mir andocken. „Bestelltes Feld“.

Im Kontext der Erwerbsarbeit soll nun auch die Organisation eine Topologie aufweisen, die den Energie-Aufwand zur BewĂ€ltigung von Kontext-Wechseln (EN: ‚context switches‘) reduziert und niedrig hĂ€lt.
Als Sohn eines Landschaftsarchitekten war ich hier gleich zuhause.

Die Kernaussage des Ansatzes ist: gestalte die Landschaft (Organisations-Topologie) so, dass sie die Menschen unterstĂŒtzt und ihnen die Arbeit erleichtert, anstatt fortwĂ€hrende Konfliktlast durch Abweichungen (EN: „odds“) zwischen Organisation und Produkt zu erzeugen.

Wenn die Architektur des Systems und der Organisation von einander abweichen, wird die Organisation gewinnen.

Ruth Malan (2018)

Das andere Take-Away war der Begriff „Interaction Type“.

Ich habe mit Tobias Leisgang zu einem Ă€hnlichen Zeitpunkt als „Team Topologies“ entstand, ein Buchprojekt gestartet. Wir wollten aus anderer Perspektive auf Ă€hnliche Konflikte, unsere Beobachtungen und LösungsansĂ€tze dafĂŒr ausarbeiten und festhalten. Ich selbst verspĂŒrte wĂ€hrend des Schreibens das BedĂŒrfnis, 5 Arten der Zusammenarbeit zu unterschieden, um ausdrĂŒcken zu können, warum Entwicklungsarbeit („Co-Creation“) andere Kommunikationsstrukturen braucht als reproduktive Arbeit („Co-Operation“). Bei Team Topologies sind es 3 Arten der Interaktion und so beinhaltet der „TT-Begriff“ von „Collaboration“ im Wesentlichen „Co-Creation“. Dieser Begriffsinhalt blendet damit einen erheblichen Anteil dessen aus, was als „HP-Way“ bekannt wurde und bereits vor der GrĂŒndung von HP die Hauptursache war, weshalb Claude Shannon das formulieren konnte, was heute als Ursprung der Informationstheorie angesehen wird. Nach meiner Auffassung basiert dieser bahnbrechende und grundlegende Beitrag Shannons auf dem, was ich unter „Collaboration“ verstehe: Menschen teilen Gedanken und Informationen, die dann zu etwas Neuem inspirieren, ohne dass dieses Neue vom Teilenden zielgerichtet angestrebt wird. Nach meiner Auffassung ist „Collaboration“ hierfĂŒr ursĂ€chlich im wissenschaftlichen Sinne und weit entfernt von „glĂŒcklichen UmstĂ€nden“ oder gar „ZufĂ€llen“. Es ist das tatsĂ€chlich zwangslĂ€ufige Ergebnis der UmstĂ€nde und AblĂ€ufe. Und sobald das als solches akzeptiert und gĂŒltig angesehen wird, können solche UmstĂ€nde und AblĂ€ufe aktiv gefördert – jedoch nicht wissenschaftlich exakt oder naturgesetzlich zwangslĂ€ufig geschaffen werden. Die Organisation kann solche ZustĂ€nde fördern, billigen oder unterbinden.

No offence!

Ob eine Organisation zum einen oder anderen tendiert, hÀngt von ihrer jeweiligen Kultur ab. Traditionell oder modern.
Und manchmal gibt es auch beides – Country and Western.

Im Fall der Informationstheorie und spĂ€ter als Ursache fĂŒr den Erfolg von HP wird berichtet, sie seien auf gemeinsame Pausen – insbesondere Mittagspausen – zurĂŒckzufĂŒhren.

Learnings

Dieser kleine Vorfall mit Michel und seinen Kollegen ist symptomatisch fĂŒr ein BĂŒndel von PhĂ€nomenen. Sie treten immer wieder auf, wenn die Ansicht einzelner Personen in Konflikt zum vermeintlichen Konsens steht.

Craig Larman hat diese als ‚Larman’s Laws of Organizational Behavior‘ ausformuliert. Torsten wĂŒrde jetzt einwenden, es handle sich dabei nicht um Gesetze und er hat Recht. Und dennoch hilft es, diese nicht ganz ernst gemeinten, heuristischen „GrundsĂ€tze“ zu kennen. Zusammengefasst lautet die Essenz:

„Menschen reden solange,
bis sich nichts mehr Ă€ndern muss.“

Das lĂ€sst sich aus vielen Perspektiven rechtfertigen – bspw. aus GrĂŒnden der Energieeffizienz. Es ist schließlich weniger aufwendig zu reden als zu handeln (EN: “Talk is cheap!”).
Oder aus Perspektive der Sicherheit.
Lieber verlÀsslich falsch und jeder kann sich darauf einstellen als möglicherweise richtig oder anders falsch.
Wenn es „anders falsch“ ablaufen könnte, dann doch lieber „vorhersehbar falsch“ und jeder findet seinen Weg, damit umzugehen.

love it or leave it
and by all means do not change it!

Ich kenne das alles zur GenĂŒge und achte deshalb darauf, den Status quo nur dann zu verteidigen, wenn er bewiesenermaßen passend ist und sich gegen alle anderen Alternativen durchgesetzt hat.

„Americans always do the right
– after exhausting all the alternatives.”

Churchillian Drift

Das ist jedoch nur in sehr, sehr wenigen Kontexten der Fall. In den allermeisten FĂ€llen herrschen weniger moderne ZustĂ€nde (die passendste Lösung) als mehr traditionelle („mach’n wa imma so“).

Armin Nassehi habe ich eine Erkenntnis zu verdanken, die dieser ganz lapidar in einem Nebensatz fallen lies und die mich wie ein Blitz traf. Modern sei demnach alles, was die zu den Gegebenheiten passende, beste Lösung sucht. Er versteht „passend“ dabei nach meiner Wahrnehmung in der vollen MehrdimensionalitĂ€t wie auch Gitta Peyn. Traditionelle Gesellschaften wĂŒrden dagegen einen hohen Aufwand treiben, um den Status quo zu erhalten, schob er hinterher. Und das war der Blitz, der mich traf. Bei Gesellschaften schließt das sogar den Verlust von Menschenleben einzelner fĂŒr „die Sache“ mit ein. Bei wirtschaftlich tĂ€tigen Organisationen ist die Entsprechung der FachkrĂ€ftemangel. Traditionelle Organisationen betreiben eher Akquise-Aufwand, um Personal- oder Kundenverluste auszugleichen als den Status quo zu Ă€ndern. Sie gehen so mit ihrer Beharrlichkeit unter.

Jetzt ist F&P nun alles andere als ein traditionelles Unternehmen. Und die jungen Kollegen sind weit von einem Verdacht entfernt, Verfechter traditioneller Organisationsformen zu sein. Ich schÀtze, sie sind eher Opfer eines myelitischen Effekts.

HĂ€? Was’n das?

Das habe ich mir gerade ausgedacht.
Myelin ist der Stoff, der den Unterschied zwischen Kahnemanns langsamen und schnellen Denken ausmacht. Es ist ein Lipid, also ein Fettstoff, der Nervenbahnen umhĂŒllt. Immer, wenn das Gehirn Wiederholungen wahrnimmt, beginnt es die an der AktivitĂ€t beteiligten Nervenzellen (Neuronen) zu stabilisieren, zu verstĂ€rken und die Verbindung zwischen ihnen mit einer FetthĂŒlle aus Myelin zu umhĂŒllen. Aus vielen dĂŒnnen KupferdrĂ€hten wird ein Kabel. Deshalb mĂŒssen wenige von uns darĂŒber nachdenken, wie eine TĂŒr zu öffnen ist oder welche Bewegungen fĂŒr „Laufen“ erforderlich sind.

Blöd nur: Myelin unterscheidet nicht nach „richtig“ und „falsch“
– nur nach HĂ€ufigkeit.

Blöd auch: „unlearning“, also das Aufbrechen dieser verfestigten Verbindungen kostet in etwa 10x mehr Aufwand als das Erlernen.
[Man] sollte also den Dingen sehr viel Aufmerksamkeit widmen, die man immer wieder tut.
Zumindest, wenn sich abzeichnet, dass „man“ sie immer wieder tun wird.

Immer wieder das Falsche falsch tun kann sehr, sehr teuer werden.

Darin besteht dann auch die Schwierigkeit in der Praxis. Bei sehr wenigen TĂ€tigkeiten sucht man sich schon zu Beginn Lehrer, Mentoren und Coaches. Wer garantiert mir denn, dass ich es fĂŒr den Rest meines Lebens brauchen werde? Die Frage kennt jeder von uns aus der Schule.

Die meisten Mitmenschen haben sich deshalb ihre spezifischen Verhaltensweisen zu eigen gemacht, die sie dann immer wieder anwenden. Manche sprechen auch ‚Verhaltensmustern‘. Ob diese Muster nun zur vorliegenden Situation passen, ist fĂŒr diese Menschen vollkommen unerheblich. Sie machen sich’s einfach und machen es einfach so wie immer. Und so kommt es, dass ein Gruppenkonsens gegenĂŒber vermeintlichen „Angriffen“ verteidigt wird, weil die Gruppe Schutz und Sicherheit bietet und das solidarische Wesen Mensch in der Gruppe höhere Überlebenschancen hat. Blöd nur, wenn eine Kritik keinen Angriff, sondern eine Gelegenheit zur Verbesserung darstellt.
Da war es wieder, das moderne, agile #Mindset.

Ich wusste das alles an diesem Abend und ich bin mir der toxischen Wirkung von Höflichkeit im Angesicht der VerĂ€nderung bewusst. Und so „grĂ€tschte“ ich den unverĂ€ndert hoch geschĂ€tzten Kolleg:innen „hinein“, um genau diesen toxischen Automatismus zu unterbinden. Und so kam es zum Moment der Erkenntnis, der sich hoffentlich auch fĂŒr F&P auszahlen wird.

Mein Verhaltensmuster ist ĂŒbrigens, erst einmal die Situation zu erfassen, um danach die mir ersichtlichen Handlungsoptionen zu listen, sie nach ihren erkennbaren Konsequenzen zu bewerten und dann die meistversprechendste Option auszuwĂ€hlen. Das lĂ€uft bei mir oftmals so schnell ab, dass meist mit einem „Bling“ genau eine Handlungsoption bei mir erscheint, sobald ich den Kontext einigermaßen umfassend erfasst habe Ă  „schnelles Denken“. Bei sehr vielen Menschen ist es auch so und doch anders. Es erscheint eine Option – oder keine. Der Unterschied zu vielen meiner Mitmenschen ist: wenn sich der Kontext Ă€ndert, erscheint mir eine andere Option. Das gilt auch fĂŒr eine verĂ€nderte Wahrnehmung des Kontextes, weil bspw. eine neue Information das Bild in erheblichem Maß verĂ€ndert.

Manche verstehen #Information als eine Mitteilung mit Neuigkeitswert.

Nachlese

Am Folgetag sprach ich mit Conrad. Eigentlich, weil wir den CRUScH-Workshop fĂŒr den kommenden Tag final abstimmen wollten. Weil Conrad uns zur Pause verlassen hat, gab ich ihm mein Fazit und berichtete von „Tuckman“ als Argument gegen VerĂ€nderungen von Team-Zusammensetzungen. Als ausgebildeter Jurist fokussierte ich – wie immer – auf die ‚Norming‘-Phase. Conrad mit seinem Kommunikationsschwerpunkt sieht darin vor allem die Standardisierung von Kommunikation – wer mit wem wann und worĂŒber auf welchem Kanal (persönlich, schriftlich, in PrĂ€senz oder auf Distanz).

FĂŒr mich ist das nur ein Teilaspekt. Juristen verstehen unter „Norm“ jede Art von Festlegung, die nach der IF/THEN-Abfolge von Voraussetzung und Rechtsfolge dazu fĂŒhrt, dass ein SOLL-Zustand – das so genannte ‚positive Recht‘ – gelten soll. Und genau das ist die Funktion von Recht. Es regelt beim tatsĂ€chlichen Vorliegen eines Sachverhalts (aka „Lebenssachverhalt“) wie damit verfahren werden soll. Und es lebt davon und dadurch, dass dieses „SOLLEN“ auch als gĂŒltig akzeptiert wird.

Wenn nun die ‚Norming‘-Phase nicht abschließend durchlaufen wurde, fĂŒhrt bei traditioneller Herangehensweise jede Abweichung im „Lebenssachverhalt“ („ein anderer Fall“) dazu, dass die Akteure zurĂŒckfallen in die Storming-Phase mit der sie fĂŒr sich klĂ€ren, wer Recht hat, damit diese:r dann festlegt, was richtig ist. In hierarchischen Organisationen werden diese FĂ€lle im Wege der Eskalation behandelt. In „flachen“ Organisationseinheiten wie [echten] Teams, werden auf der Grundlage historischer Erfahrungen, Persönlichkeitsstrukturen und fachlichen Kompetenzen „Bestimmer“ fĂŒr die jeweiligen EinzelfĂ€lle gesucht und gefunden. Das dauert.

Viel besser wĂ€re es nach meiner Auffassung, die möglichen, denkbaren, wahrscheinlichen und hĂ€ufigen FĂ€lle gemeinsam zusammenzutragen und festzulegen, wie mit ihnen verfahren werden soll – Voraussetzung > Rechtsfolge. Mich wundert es immer wieder, wenn Software-Entwickler, die auch meiner Erfahrung nach zur Stabilisierung durch Standardisierung neigen, es ablehnen, wegschieben oder ignorieren, ihre eigenen Angelegenheiten in der gleichen Weise zu regeln wie die der Nutzer: programmatisch.

Und dann ist da noch die Sache mit dem Erfolg. FĂŒr viele genĂŒgt es zu handeln.

„Hab‘ ich doch gemacht.“

In etwas weiter entwickelten Umgebungen wird ĂŒber Werte und deren Messbarkeit gesprochen. „Wert“ kann natĂŒrlich so etwas softes wie Respekt sein. Das zielt eher auf Umgangsformen und ist sehr beliebt, wo #NewWork Einzug halten soll. Nach meiner Ansicht kann man sich mit „so etwas“ befassen, wenn man das GeschĂ€ft im Griff hat. Und da geht es zunĂ€chst um die Objektivierung des subjektiven Empfindens. Ist „schnell“ eher 5 Minuten oder eine Stunde? Und was, wenn es sich um die Antwort eines Webservers handelt?

Nach meiner Erfahrung klĂ€ren sich die soften Themen dann meist bereits im Kontext dieser Objektivierung. Ist „Produktion“ wichtiger als „Kaffee-Pause“? Ist der schnelle „Kontakt zum Nutzer“ wichtiger als „die richtige Antwort“? Mit all diesen Festlegungen ergeben sich dann die soften Werte wie „Respekt“, „Mut“ und „Vertrauen“ meist schon aus „der #Sache“ heraus und am Ende geht es lediglich darum, auch das fĂŒr jede:n zugĂ€nglich festzuhalten.

Und wenn das alles immer noch nicht so recht in Gang kommen will, hilft nach meiner Erfahrung eine sehr mÀchtige Frage:

Wie zahlt mein Beitrag auf [das strategische Ziel] ein?

In so mancher Umgebung wird es danach ungemĂŒtlich. Und auch das ist ein wertvoller Indikator. FĂŒr die Person, die diese Frage stellt wie auch fĂŒr Personen, die sie beantworten oder nicht beantworten können.

Und wenn die Organisation die Frage ernst nimmt und in ZusammenhÀngen jenseits des einzelnen Teams beantworten möchte, dann landen die Beteiligten bei OKR oder anderen Methoden zur Ergebnismessung.

Mehr 


Wie alles begann:

Und dann:

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